"Das wichtigste Wochenende im Jahr"
"Europa gehört zu meinem Alltag", sagt Markus. "Dafür will ich auch andere Jugendliche begeistern." Der ehemalige Realschüler wohnt in einem Bezirk, den viele Berliner nur als "problematisch" wahrnehmen: Berlin-Hellersdorf. Derzeit absolviert der gelernte Sozial-Assistent eine Ausbildung zum Erzieher. Bei seinen Europa-Aktivitäten setzt er auf die deutsche Nationalagentur, denn die habe ihn schließlich erst so richtig auf den Geschmack gebracht, so der Berliner.
Ein Interview von Marco Heuer.
Markus, wie viele Erzieher gibt es in Deinem Ausbildungsbetrieb, die sich mit Europa in ihrer Freizeit beschäftigen?
(lacht) Da bin ich wohl der Einzige. Dabei hat das Thema auch für uns in der Ausbildung eine Bedeutung. Man könnte als Erzieher ein halbes Jahr im Ausland arbeiten. Aber wer weiß das schon von den Azubis? Ich habe in der Berufsschule ein Referat zu Europa gehalten. Da kamen dann so Fragen wie: Kann man nicht was Besseres machen, als sich ehrenamtlich so viel zu engagieren?
Und was hast Du geantwortet?
Ich habe erklärt, dass mir Geld nicht so wichtig ist. Was zählt, ist der Lerneffekt. Wenn ich beispielsweise bei einer Jugendbegegnung vor Gruppen stehen kann, die richtige Ansprache finden muss, weil es Auseinandersetzungen unter den Jugendlichen gab – dann ist das eine wichtige Qualifikation, die man später auch als Erzieher braucht. Beim Kellnern lernt man das jedenfalls nicht.
Berlin-Hellersdorf und Europa – wie fing das alles an?
Als ich so ungefähr acht Jahre alt war, ging ich täglich mit meinen Freunden in einen Jugendclub. Billard und Fußball spielen – das war unser Alltag.
Als ich dann 13/14 war, kamen engagierte Sozialpädagogen in den Club, führten die ersten Jugendbegegnungen mit uns durch. Ich durfte nach Liverpool und dachte: Das ist echt cool, endlich kommst Du mal raus aus Deinem Bezirk. Die Herzlichkeit der Engländer, ganz anderes Essen als bei uns – da fing ich erstmals an, mich für andere Kulturen zu interessieren.
Und zu engagieren?
Auch das. Als 16-Jähriger hatte ich bereits meine ersten Jugendbegegnungen geteamt – für "KIDS & CO.", einen Verein zur Förderung von Kindern und Jugendlichen in Berlin-Hellersdorf. Polen, Frankreich, Großbritannien – ich kam immer mehr auf den Geschmack.
Und wie kam dann die Nationalagentur ins Spiel?
Durch einen Zufall. Wir hatten gerade zwei Freiwillige aus der Türkei bei uns im Verein. JUGEND für Europa lud sie ein, an einer EuroPeers-Schulung in Hannover teilzunehmen. Sie war speziell für Jugendliche mit Migrationshintergrund ausgerichtet.
Doch unsere beiden Freiwilligen wollten nicht alleine dorthin. Sie konnten noch nicht so gut Deutsch, also fuhr ich mit. Und was ich dann dort mitbekam, hat mir die Augen geöffnet.
Inwiefern?
Na ja, von Jugendbegegnungen wusste ich zwar bereits ein Menge. Aber vom Europäischen Freiwilligendienst hatte ich noch nie gehört. Die ganzen Möglichkeiten klangen faszinierend. Ich bin dann gleich zum nächsten Jahrestreffen gefahren, hab mir von anderen Jugendlichen über ihre Erfahrungen im Ausland berichten lassen und war selbst ganz heiß auf so einen EFD…
…den Du dann ein Jahr in einem Kindergarten in Luxemburg verbracht hast.
Genau. Dabei wollte ich ursprünglich nach Frankreich, um mein Französisch zu verbessern. Aber das hatte leider nicht geklappt. Im Nachhinein muss ich aber sagen: Luxemburg war grandios.
Ich habe in einem Kindergarten gearbeitet, in dem alle Kinder einen Migrationshintergrund hatten. Ich konnte viele Projekte selbst entwickeln. Und da ich ja selbst einen Migrationshintergrund habe, passte das sehr gut.
Das musst Du uns näher erklären.
Jeder definiert Migration anders. Aber ich denke schon, dass ich auch so eine Art Migrationshintergrund habe. Viele sagen, wer aus Hellersdorf kommt, hat den ohnehin schon. Das sage ich zwar nicht. Aber ich würde mich schon zu den Benachteiligten zählen.
Ein Realschulabschluss in Hellersdorf ist doch was anderes, als wenn Du Dein Zeugnis in München erhältst. Das bekommt man auf dem Arbeitsmarkt auch deutlich zu spüren.
Wie haben Deine Freunde auf Deinen EFD in Luxemburg reagiert?
Die wurden neugierig. Ich habe Ihnen viel erzählt, Ihnen Fotos gezeigt. Jetzt wollen sie so etwas auch machen. Aber es ist gar nicht so einfach. Viele meiner Freunde können kein Englisch. Und dann gibt es auch viele Organisationen, die lieber Studenten oder Jugendliche mit entsprechendem Vorwissen einstellen wollen.
Ich habe einen Freund, der seit einem Jahr vergeblich versucht, einen EFD-Platz zu bekommen. Trotzdem: Ich helfe, wo ich kann. Und die Nationalagentur macht das ja auch.
Welche Rolle spielt JUGEND für Europa für Deine Projekte?
Eine große. Der Kontakt ist immer freundlich und herzlich. Man hat ein offenes Ohr und bekommt jederzeit Hilfe. Das motiviert schon stark. Ich werde jedenfalls auch in Zukunft Jugendbegegnungen auf die Beine stellen – und dann würde ich gerne noch mehr im Bereich Sport und Pädagogik machen.
Hat Dich das Jahrestreffen in Berlin denn inspiriert?
Auf alle Fälle. Wo hat man sonst schon eine so intensive Zeit zum Austausch und kann so gut Pläne für die Zukunft schmieden? Im Ernst: Das EuroPeers-Jahrestreffen ist für mich mittlerweile zum wichtigsten Wochenende im Jahr geworden.



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